13. Juni 2016

250 Bauunternehmer beim Tag der Bauwirtschaft in Stuttgart

EU-Kommissar Oettinger wirbt für stärkere Digitalisierung von Bauprozessen


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Stuttgart. Anlässlich des Tags der Bauwirtschaft in Stuttgart hat Gastredner EU-Kommissar Günther Oettinger am vergangenen Freitag vor über 250 Bauunternehmern aus ganz Baden-Württemberg für eine stärkere Digitalisierung der Prozesse in der Baubranche geworben. Bauwirtschaft 4.0 sei eine Herausforderung, der sich auch kleine und mittelständische Baufirmen und deren Mitarbeiter stellen müssten. Angesichts der digitalen Überlegenheit von Ländern wie Amerika oder China habe Europa und selbst das wirtschaftsstarke Deutschland in Sachen digitale Infrastruktur noch enormen Nachholbedarf. Themen wie Netzausbau, schnelles Internet, homeelectronic und digitale Vernetzung von Gebäudeabläufen müssten in Zukunft bereits bei der Bauplanung und -ausführung berücksichtigt werden. Oettinger ist überzeugt, dass bis zum Ende des Jahrzehnts auch in der Baubranche der Digitalisierungsgrad eines Unternehmens darüber entscheiden wird, welche Firma zu den Gewinnern gehört und welche letztlich vom Markt verschwindet.

Auch aus Sicht des Präsidenten der Bauwirtschaft Baden-Württemberg, Bernhard Sänger, steht die Branche vor der Herausforderung, ihre Geschäftsprozesse stärker zu digitalisieren. Die Veränderungen und Chancen, welche die Digitalisierung mit sich bringe, nehme die Bauwirtschaft gerne an. Zentrales Thema sei hierbei sicherlich das Stichwort Building Information Modeling, kurz BIM genannt. Dabei werden zahlreiche Daten und Informationen rund um ein dreidimensionales, virtuelles Modell digital erfasst, damit sie für sämtliche Planungsprozesse auf dem Bau nutzbar sind. Sänger betont, dass die baden-württembergische Bauwirtschaft bei diesem Thema frühzeitig Innovationstreiber war und gemeinsam mit engagierten Spezialisten aus einzelnen Mitgliedsunternehmen und anderen baunahen Organisationen das erste „BIM-Cluster“ Deutschlands ins Leben gerufen hat. Nun sei es an den Baubetrieben im Land, diese digitale Technik in ihrem Arbeitsalltag zu implementieren und auch anzuwenden, um weiterhin zukunfts- und damit wettbewerbsfähig fähig zu bleiben. Bereits jetzt gäbe es ausländische Auftraggeber, die nur auf Basis von BIM-optimierten Bauprozessen bereit seien, Aufträge an deutsche Bauunternehmen zu vergeben. Hier dürfe man nicht den Anschluss verlieren.

Zugleich wies Bernhard Sänger darauf hin, dass die Bauwirtschaft bereits heute eine hochtechnisierte Branche sei. Das Führerhaus eines Baggers erinnere zwischenzeitlich an ein Flugzeugcockpit. Und auch GPS, Lasersteuerung und Computerunterstützung gehörten auf modernen Baustellen zum Arbeitsalltag. Allerdings appellierte der Verbandspräsident an Politik und Gesellschaft daran zu denken, dass alle innovativen Projekte, die für Fortschritt und Entwicklung stünden, letztlich von entsprechenden Fachkräften gebaut werden müssten. Es werde keine Digitalisierung ohne entsprechende Leitungsnetze und Rechenzentren geben, keine Energiewende ohne Offshore-Anlagen und Pumpspeicherkraftwerke und keine selbstfahrenden Autos ohne die dafür notwendigen Verkehrswege. Die Bauwirtschaft sei somit auch in Zukunft die Branche, die dafür sorge, dass eine funktionierende Infrastruktur entsteht und erhalten wird.

Sorge bereitet Bernhard Sänger in diesem Zusammenhang jedoch der demografische Wandel, der es dem einen oder anderen Mitgliedsbetrieb erschwert, in Zukunft qualifiziertes Fachpersonal zu rekrutieren um sich in der digitalen Welt weiter zu entwickeln. Da deutschlandweit gut die Hälfte aller Facharbeiter auf dem Bau in den kommenden 10 Jahren altershalber ausscheiden wird, stelle sich die Frage, wie die anspruchsvollen Bauprozesse zukünftig personell umgesetzt werden könnten. Die baden-württembergische Bauwirtschaft habe deshalb bereits seit Jahren diverse Maßnahmen gestartet, um die Sicherung von qualifizierten Nachwuchskräften auch künftig zu gewährleisten. Allerdings seien angesichts des Fachkräftemangels in der Bauwirtschaft die derzeitigen Bestrebungen der EU, die deutsche Meisterpflicht in Frage zu stellen, höchst kontraproduktiv. Auch das Phänomen der zunehmenden Soloselbstständigkeit werde die Branche noch vor erhebliche Probleme stellen.