28. Juni 2016

Bauwirtschaft übernimmt soziale Verantwortung für Flüchtlinge

Über 70 Flüchtlinge besuchen die Bau-Ausbildungszentren im Land


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Stuttgart. Sie haben viel durchgemacht und hoffen auf ein besseres Leben in Deutschland: Über 70 Flüchtlinge aus Syrien, Irak, Afghanistan, Eritrea, Gambia und Nigeria erhalten in diesem Jahr die Chance, in einem Ausbildungszentrum der württembergischen Bauwirtschaft ihre bauhandwerklichen Fähigkeiten zu testen. Möglicherweise ein erster Schritt in Richtung beruflicher Perspektive. „Wir möchten ganz einfach soziale Verantwortung übernehmen und den oftmals traumatisierten Jugendlichen bzw. jungen Erwachsenen einen gewissen Halt und Orientierung geben“, erklärt Hauptgeschäftsführer Dieter Diener das intensive Engagement der Bauwirtschaft Baden-Württemberg in Sachen Flüchtlinge. Ob dies auch ein Beitrag zur Sicherung von Nachwuchskräften sein kann, werde sich zeigen. Für eine richtige Bauausbildung fehlten allerdings noch die notwendigen Deutschkenntnisse. Seitens der Betriebe ist die Nachfrage durchaus groß. Die Initiative zu diesen Flüchtlingsprojekten ging denn auch von mehreren größeren Bauunternehmen im Land aus. Sie hoffen, so ihr Fachkräfteproblem in den Griff zu bekommen, vorausgesetzt die Flüchtlinge dürfen bleiben. Doch bis dahin ist es noch ein langer Weg.

Seit Monaten arbeiten die vier Bau-Ausbildungszentren in Geradstetten, Aalen, Geislingen und Sigmaringen eng mit verschiedenen sozialen Institutionen wie Kolpingwerk, Internationaler Bund (IB) oder Mariaberg e.V. zusammen, um den Flüchtlingen in ihren Ausbildungsstätten diverse Berufsorientierungsmaßnahmen anzubieten. Das reicht von einem vierwöchigen Praktikum bis hin zu sechsmonatigen Schulungskursen. Dabei lernen die ausländischen Jugendlichen alle wichtigen Gewerke kennen – vom Maurerwerksbau über den Holzbau bis hin zum Straßenbau. Es gibt aber auch gemischte Gruppen mit heimischen Bauazubis, damit die Flüchtlinge durch gemeinsames Arbeiten die deutsche Sprache und die hiesige Werte- und Gesellschaftsordnung besser kennen lernen. Weibliche Auszubildende auf dem Bau zum Beispiel sind für die meisten von ihnen noch äußerst ungewohnt.

Die Betreuung und Anleitung der Flüchtlinge in den Bau-Ausbildungszentren wird teilweise co-finanziert durch die Agentur für Arbeit. Die Bauwirtschaft Baden-Württemberg stellt entsprechende Ressourcen zur Verfügung. Vorerst laufen die Einzelprojekte in Sachen Flüchtlingsbetreuung noch bis Jahresende. Danach wird Bilanz gezogen, um aus den gemachten Erfahrungen eventuell Zukunftskonzepte zu erarbeiten. Die in dem Flüchtlingsprojekt engagierten Bauunternehmen hoffen natürlich, dass die Teilnehmer durch die berufsorientierenden Maßnahmen rasch in eine Bauausbildung gelangen und ihnen als künftige Arbeitskräfte im Betrieb erhalten bleiben. Verbandshaupt­geschäftsführer Dieter Diener sieht es noch aus einer anderen Perspektive: „Selbst wenn die Flüchtlinge nach einigen Jahren möglicherweise wieder in ihre Heimatländer zurückkehren, war unser Engagement nicht umsonst. Denn eine qualifizierte Berufsausbildung auf dem Bau ist auch eine moderne Art der Entwicklungshilfe, um die teilweise kriegszerstörten Gebiete wieder aufzubauen.“