19. Juli 2017

Bauboom sorgt für Engpass bei Bauingenieuren

Baubranche im Land kratzt an der 100.000-Beschäftigten-Marke


contentmaker/standard/editor.tpl | standard

Stuttgart. Der seit 2010 stetige Beschäftigungsaufbau in der baden-württembergischen Bauwirtschaft wird sich auch in diesem Jahr fortsetzen. Für die Monate Januar bis Mai meldet die Landesvereinigung Bauwirtschaft bereits 7,6 % mehr Beschäftigte als im Vorjahr. Wenn sich die derzeit positive Dynamik auf dem Arbeitsmarkt fortsetzt, könnten 2017 etwa 98.000 Arbeitnehmer im baden-württembergischen Bauhauptgewerbe Beschäftigung finden, rund 2.000 mehr als 2016. Damit ist die 100.000-Beschäftigten-Marke zum Greifen nahe. Ob sie 2018 geknackt wird, hängt von einer weiterhin stabilen Wirtschaftslage und einer entsprechend starken baukonjunkturellen Nachfrage im Südwesten ab. Der Beschäftigungstiefpunkt in der hiesigen Baubranche lag im Jahr 2009 bei ca. 83.000.

Laut Dieter Diener, Geschäftsführer der Landesvereinigung Bauwirtschaft, erfolgt der Beschäftigungsaufbau momentan größtenteils über die Integration arbeitsloser Baufacharbeiter und über die Beschäftigung von Personen aus dem europäischen Ausland. Die Zahl der arbeitslosen Bauarbeiter sank in der Folge bis Juni dieses Jahres auf einen Tiefststand von 2.331, zugleich stieg die Zahl der offenen Stellen auf 1.755. Dennoch könne der steigende Fachkräftebedarf nach Einschätzung von Dieter Diener, trotz derzeit stabiler Ausbildungszahlen und einer gewissen Zuwanderung, mittelfristig nicht gedeckt werden. „Der demografische Wandel ist nun mal Fakt und sorgt bereits heute für erhebliche Probleme. Zwei Drittel der Bauunternehmen befürchten künftig aufgrund des Arbeitskräftemangels eine Beeinträchtigung ihrer wirtschaftlichen Entwicklung.“

Sorgen bereitet der Branche vor allem der Engpass im Bauingenieurwesen. „Sowohl unsere Baufirmen als auch die Bauämter im Land sowie zahlreiche Planungsbüros suchen derzeit händeringend Bauingenieure, um die gewaltigen Bau- und Planungsaufgaben vor denen sie stehen, auch umsetzen zu können. Aber der Markt ist praktisch leergefegt“, so Diener. Durch den Investitions­hochlauf im Infrastrukturbereich werde nach Jahren der Stagnation und des Verfalls nun wieder mehr Geld in die Sanierung und Ertüchtigung des Verkehrs- und Schienennetzes gesteckt. Etliche Projekte könnten jedoch nicht zeitnah realisiert werden, weil die dafür nötigen Planungsexperten fehlten. 1.500 Bauingenieure müssten laut Schätzung pro Jahr in Baden-Württemberg ausgebildet werden. An den Unis und Fachhochschulen im Land gibt es jedoch viel zu wenige Studienplätze im Bauingenieurwesen. Nicht zuletzt deshalb wurden auf Anregung der Bauwirtschaft Baden-Württemberg in den letzten Jahren zusätzlich neue duale Studienangebote geschaffen. Die Studiengänge zum Bauingenieur Plus, Baubetriebswirt Plus oder Bautechniker Plus bieten mit ihrem Mix aus Studium und praktischer Ausbildung für jeden bauinteressierten Abiturienten passende Tätigkeitsfelder. Allerdings können auch hier nicht alle qualifizierten Bewerber berücksichtigt werden, weil es an Dozenten sowie entsprechenden räumlichen Kapazitäten fehlt. Hier herrscht dringender Handlungsbedarf.

Um dem Fachkräftemangel entgegenzuwirken setzt die Baubranche außerdem verstärkt auf Rationalisierung, etwa durch den vermehrten Einsatz von Maschinentechnik und die Digitalisierung von Bauprozessen. Das Thema Building Information Modeling (BIM) spielt dabei insbesondere in großen und mittelständischen Unternehmen eine immer wichtigere Rolle. Auch mit der Anwendung von Lean Construction Methoden lassen sich Verbesserungen in den Verfahrensabläufen und damit Einsparungspotential bei den Arbeitsressourcen erzielen. Dennoch ist sich Dieter Diener sicher: „Der Mensch als Arbeits- und Steuerungskraft steht in der Bauwirtschaft auch in Zukunft im Mittelpunkt aller Bauprozesse.“