06. September 2018

Bauwirtschaft fordert Abwrackprämie für Altbauten

Teil der Grunderwerbsteuer sollte an Hausbesitzer zurückfließen


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Stuttgart. Der neue Präsident der Bauwirtschaft Baden-Württemberg, Markus Böll, fordert für nicht sanierungswürdige Altimmobilien eine sogenannte Abwrackprämie für Altbauten. Dadurch könnte vor allem in den Städten das Problem der fehlenden Grundstücke für den Wohnungsbau zumindest teilweise entschärft werden. „Viele Bestandsbauten sind größtenteils in der Nachkriegszeit entstanden und entsprechen weder von der Größe noch von der Bausubstanz her den heutigen technischen Standards. Dünne Wände, kleine Räume und schlechte Isolationen lohnen eine nachträgliche Sanierung in den seltensten Fällen“, erklärt Verbandspräsident Böll. Etliche Hausbesitzer scheuten aber die hohen Kosten für einen kompletten Neubau. „Mit der Zahlung einer Abwrackprämie für nicht erhaltenswerte Altbauten könnte man entsprechende Anreize zum Abriss dieser Gebäude geben und zugleich Freiräume schaffen für die Bebauung mit neuen Wohngebäuden, die den heutigen technischen Anforderungen entsprechen.“

Finanziert werden soll das Ganze durch einen Teilrückfluss der Grunderwerbsteuer an Hausbesitzer mit marodem Altbaubestand. Markus Böll schlägt vor, dafür die Mittel einzusetzen, die durch die Erhöhung der Grunderwerbsteuer von 3,5 auf 5 % in den letzten Jahren von Land und Kommunen zusätzlich eingenommen wurden. Seit 2011 haben sich diese Mehreinnahmen auf rund 3 Mrd. Euro summiert. „Es ist nur gerecht, wenn die öffentliche Hand nicht nur nimmt, sondern auch gibt. Dies wäre eine echte Initialzündung, um den Wohnungsbau im Land schnell und effizient anzukurbeln und somit fehlendes Bauland zu kompensieren.“ Böll rechnet vor, dass sich der Bau eines Eigenheims in den letzten Jahren durch politisch verordnete Vorgaben wie die permanente Verschärfung der Energieeinsparverordnung, der Schall- und Brandvorschriften, der Landesbauordnung oder der Umweltschutzauflagen für Erdaushub um durchschnittlich 50.000,- Euro verteuert hat. Diese Überregulierung treibe nicht nur die Baukosten nach oben, sondern halte auch private Investoren davon ab, sich im Wohnungsbau zu betätigen. Darum sei es dringend geboten, endlich die Bauvorschriften zu vereinfachen und länderübergreifend einheitlich zu regeln. Auch eine Beschleunigung der Baugenehmigungsverfahren sowie die Wiedereinführung der degressiven Abschreibung würden notwendige Investorengelder anlocken. „Leider ist die Politik niemals bereit auch mal abzuspecken, sondern packt immer nur oben drauf“, kritisiert Baupräsident Böll. „Wir fordern deshalb einen 10-jährigen Auflagenstopp, um das Bauen in diesem Land wieder attraktiv zu machen.“

Dies würde auch dem sozialen Wohnungsbau zugutekommen, der seit der Jahrtausendwende sträflich vernachlässigt wurde. Von den 137.000 Sozialwohnungen, die es 2002 in Baden-Württemberg noch gab, sind 15 Jahre später gerade einmal 54.000 übrig geblieben. Die Bauwirtschaft fordert deshalb die Bereitstellung von vergünstigtem Bauland und begrüßt zugleich die zusätzlichen sozialen Wohnraumförderprogramme der Landesregierung. Damit verschärft sich allerdings ein Problem, mit dem die Baubetriebe bereits jetzt zu kämpfen haben - der eklatante Fachkräftemangel. Selbst wenn es ausreichend Geld und Grundstücke für umfangreiche Neubauprojekte gäbe, könnten diese von den zumeist kleinen und mitteständischen Wohnungsbauunternehmen hierzulande nicht von jetzt auf nachher gestemmt werden, erklärt Markus Böll. „Wichtig sind für unsere Betriebe nach der jahrelangen Auftragsflaute Planbarkeit und eine Verstetigung der öffentlichen Bauaufträge, um längerfristig personelle Kapazitäten aufzubauen. Das braucht in der Regel ein bis zwei Jahre.“

Mit der aktuellen Auftragssituation ist der Verbandschef äußerst zufrieden. Im 1. Halbjahr 2018 stieg der Auftragseingang der Bauunternehmen mit mehr als 20 Beschäftigten um 12,3 % auf 5,46 Mrd. Euro. Derzeit reicht das Auftragsvolumen für ca. 4 bis 5 Monate, früher war es oft nur 1 Monat. Auch die Umsätze kletterten wieder auf Rekordniveau. Von Januar bis Juni gab es ein Plus um 13 % auf 5,32 Mrd. Euro. Stark zugelegt haben vor allem der Wohnungsbau mit +19,2 % sowie der Wirtschaftsbau mit +14 %. Trotz personeller Engpässe wuchs die Zahl der Beschäftigten um 5,1 % auf ca. 105.000. Bis Jahresende rechnet die Branche mit einem Umsatzvolumen von rund 17 Mrd. Euro bezogen auf alle Baubetriebe. Allerdings müssten Bauherren wegen deutlich erhöhter Material- und Personalkosten mit weiterhin steigenden Baupreisen rechnen.