04. November 2019

Bundespräsident würdigt Widerstand gegen NS-Regime anlässlich der Einweihung des Georg-Elser-Denkmals

Bau-Azubis des Bildungszentrums Aalen gestalten Betonstehle


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Hermaringen. Einen lang verkannten Hitler-Attentäter würdigen und vor aktuellen politischen Gefahren warnen – das sind die Ziele des neuen Georg-Elser-Denkmals in Hermaringen. Eingeweiht wurde das Kunstwerk am 4. November 2019 in Anwesenheit von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und des stellvertretenden baden-württembergischen Ministerpräsidenten Thomas Strobl. Steinmeier bezeichnete den Widerstandskämpfer als herausragende Persönlichkeit und Ausnahmeerscheinung, die sich nicht von den Nationalsozialisten verführen ließ, sondern Hitlers wahre Natur als skrupellosen Massenmörder erkannte und deshalb aktiv wurde. „In seinem Handeln, in seiner Bereitschaft, Verantwortung für sein Tun zu übernehmen und für seine Taten einzustehen, war Georg Elser ein großer Mann“, betonte der Bundespräsident. Er lobte das Engagement der Hermaringer Projektgruppe, die – zusammen mit vielen Bürgern und jungen Menschen – das neue Denkmal möglich gemacht hat. Der stellvertretende Ministerpräsident Thomas Strobl bezeichnete daran anknüpfend das Grundgesetz als fundamentalen Gegenentwurf zur nationalsozialistischen Diktatur, den es zur verteidigen gelte. „Freiheit, Frieden und Demokratie sind nicht selbstverständlich“, so der Minister.

Die Einweihung des Denkmals an Georg Elsers Geburtsort Hermaringen hat eine lange Vorgeschichte. Die Mitglieder der Projektgruppe, die sich ab Ende 2013 allmählich zusammenfand, leisteten über Jahre hinweg intensive Vorbereitungs- und Überzeugungsarbeit. Wesentlicher Schritt war zunächst, den Hermaringer Gemeinderat für das Vorhaben zu gewinnen. Dieser stimmte schließlich einstimmig zu. Danach ging es um die konkrete Umsetzung. „Als sehr sinnvoll erwies sich dabei der Gedanke, junge Menschen einzubinden, die sich auf diese Weise auch mit der Person Georg Elser auseinandergesetzt haben“, erklärt Gemeinderatsmitglied Hans-Dieter Diebold, der auch in der Projektgruppe aktiv ist. So entstand der Entwurf des Denkmals durch eine Kooperation mit der Ulmer Hochschule für Kommunikation und Gestaltung. Deren Studierende erarbeiteten vielfältige Ideen und Vorschläge, aus denen schließlich der Entwurf von Nina Seliger aus Friedrichshafen ausgewählt wurde. Ihr Werk mit dem Titel „Ein Teil des Ganzen und doch anders“ besteht zum einen aus einer großen Betonstehle, welche die Gesellschaft zur NS-Zeit verkörpert. Dem Block gegenüber steht Georg Elser, dargestellt als quadratischer Ausschnitt aus dem Ganzen, dessen Anderssein durch die Wahl des Materials Holz mit individueller Maserung zum Ausdruck kommt. Die Statik für das Denkmal berechnete kostenlos das Ingenieurbüro Hans Then aus dem Nachbarort Giengen.

Auch bei der Herstellung des Betonstehle setzte die Gruppe auf das Engagement junger Menschen. Über den früheren Bauunternehmer Wolfgang Lindel wurde der Kontakt zum Bildungszentrum Bau Aalen vermittelt. “Bei so einem Projekt sind wir natürlich dabei“, lautete die positive Antwort von Zentrumsleiter Petrus Uhl. Wenig später machten sich acht Maurer- und Betonbauerlehrlinge unter Anleitung von Ausbildungsmeister Wolfgang Seckler ans Werk. Über mehrere Wochen bereiteten sie die Schalung vor, brachten den vorbereiteten Transportbeton ein und sorgten für den endgültigen Feinschliff. Im vergangenen Juli konnte schließlich die fertiggestellte, 2,40 m hohe und 1,50 m breite Stehle an ihren Bestimmungsort transportiert werden. Der aus Holz bestehende Teil des Denkmals wurde ergänzend in Kooperation mit der Schreinerei Heß in Sontheim hergestellt.

Mit ihrer Aktion möchte die 15-köpfige Projektgruppe nicht nur die Erinnerung an die nationalsozialistische Vergangenheit wachhalten, sondern auch junge Menschen zum Nachdenken über aktuelle Entwicklungen anregen. „Wir wollen mit unserer Arbeit gerade an die jüngere Generation appellieren, mit offenen Augen durchs Leben zu gehen und politische Gefahren rechtzeitig zu erkennen“, so Hans-Dieter Diebold. Erfreut sind alle Beteiligten, dass ihr Projekt pünktlich zum 80. Gedenktag des Hitler-Attentats, das am 8. November 1939 stattfand, fertiggestellt wurde. Die Anwesenheit des Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier bei der Einweihung des Denkmals empfinden sie als hohe Ehre und Anerkennung ihrer Arbeit. Gleichzeitig fühlen sie sich angespornt, auch künftig politisch aktiv zu sein. Gedacht ist beispielsweise an die Durchführung von Veranstaltungen, die in der Bevölkerung mehr Bewusstsein und Verständnis für die Demokratie fördern.

 

Historische Fakten: Georg Elser - Widerstand aus innerer Überzeugung

Der spätere Widerstandkämpfer Georg Elser, 1903 im württembergischen Hermaringen geboren, wuchs in Königsbronn auf und erlernte nach siebenjähriger Schulzeit den Schreinerberuf. In den zwanziger Jahren wird er Mitglied im Holzarbeiterverband und tritt dem kommunistischen Roten Frontkämpferbund bei. Den Nationalsozialisten steht er von Beginn an sehr kritisch gegenüber. Als ihm durch die aggressive NS-Außenpolitik klar wird, dass „ein Krieg unvermeidlich ist“, entschließt er sich im Herbst 1938, die nationalsozialistische Führung zu beseitigen. Über mehrere Monate bereitet er ein Sprengstoffattentat auf Hitler vor, der am 8. November 1939 zur Erinnerung an seinen 16 Jahre zuvor gescheiterten Putschversuch im Münchener Bürgerbräukeller spricht. Doch Hitler verlässt wenige Minuten vor der Explosion unerwartet den Versammlungssaal und entkommt so dem Anschlag. Kurz darauf wird Georg Elser gefasst, nach tagelangen Verhören gesteht er seine Tat. Nachdem er viele Jahre inhaftiert war, wird er am 9. April 1945 im Konzentrationslager Dachau ermordet. Erst ab Ende der sechziger Jahre findet er in der Bundesrepublik Deutschland als Widerstandskämpfer späte Anerkennung.